Von 1857 bis heute — eine Familiengeschichte zwischen Handwerk, Kunst und Forschung.
Die älteste Glasmalereiwerkstatt Deutschlands wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in Linnich im Rheinland vom Landarzt Dr. Heinrich Oidtmann gegründet. Als gesichertes Gründungsdatum gilt der 6. Dezember 1857, durch eine belegte Rechnung an den Linnicher Glasermeister Kobecke über bemalte Gläser. Frühere, jedoch nicht eindeutig belegte Quellen verweisen auf eine noch ältere Entstehungsgeschichte.
Seit inzwischen sechs Generationen widmet sich die Glasmalerei Dr. H. Oidtmann der Gestaltung, Restaurierung und Erforschung künstlerischer Verglasungen. Aus traditionellem Handwerk entwickelte sich über die Jahrzehnte ein Unternehmen, das historische Glasmalerei bewahrt und gleichzeitig zeitgenössische Glasgestaltung mitprägt.

Schon während seines Studiums der Chemie und Medizin beschäftigte sich Dr. Heinrich Oidtmann I intensiv mit Geschichte und Technik der Glasmalerei. Besonders faszinierte ihn das Zusammenspiel von Handwerk, Material und Licht.
Neben der traditionellen musivischen Glasmalerei widmete er sich früh der Entwicklung neuer technischer Verfahren. Anfang der 1860er Jahre gelang es ihm, mithilfe der Lithographie Bildvorlagen auf Glas zu übertragen und Glasmalereien seriell herzustellen. Die durch den sogenannten Glassteindruck erschwinglicheren Glasbilder machten das Unternehmen weltweit bekannt.
Der wirtschaftliche Erfolg führte zu einem raschen Wachstum der Werkstatt. Glasarbeiten aus Linnich wurden international exportiert, unter anderem nach Amerika, Afrika und auf die Philippinen. Mit der Eröffnung von Filialen in Brüssel (1885) und Berlin (1886) entwickelte sich die Glasmalerei Dr. H. Oidtmann zu einem der bedeutendsten Glasmalereiunternehmen seiner Zeit.
Beim Generationswechsel im Jahr 1890 beschäftigte das Unternehmen bereits rund 100 Mitarbeiter und war für seine technischen Innovationen und die hohe Qualität seiner Arbeiten vielfach ausgezeichnet worden.

Unter der Leitung von Dr. Heinrich Oidtmann II entwickelte sich das Unternehmen in zweiter Generation konsequent weiter. Aus Qualitätsgründen verabschiedete man sich vom mechanischen Glassteindruck und konzentrierte sich verstärkt auf die handwerkliche Ausführung historischer Kopien sowie auf musivische Glasmalereien im historisch geprägten Stil.
Neben der praktischen Arbeit widmete sich Heinrich Oidtmann II intensiv der Erforschung von Technik und Geschichte der Glasmalerei. Sein 1912 veröffentlichtes Werk „Die Rheinischen Glasmalereien vom 12. bis 16. Jahrhundert“ gilt bis heute als bedeutender Beitrag zur Glasmalerei-Forschung.
Der Kunsthistoriker Dr. Hans Kisky schrieb 1959 über ihn:
„Im Rheinischen hat es kaum einen Wissenschaftler gegeben, der annähernd die gleiche Kenntnis auf dem Gebiet der Glasmalerei erreicht hat.“
Mit dieser Verbindung aus handwerklicher Präzision und wissenschaftlicher Auseinandersetzung prägte die Glasmalerei Dr. H. Oidtmann die Entwicklung der Glasmalerei weit über die Region hinaus.

Der Architekt Dipl.-Ing. Heinrich Oidtmann III übernahm 1912 die Leitung des Unternehmens. Mit seinem architektonischen Verständnis prägte er die Weiterentwicklung der Werkstatt in einer Zeit großer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umbrüche.
Durch den Ausbau internationaler Beziehungen, insbesondere nach Amerika, gelang es ihm, das Unternehmen sicher durch die schwierigen Jahre des Ersten Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise zu führen.
Gleichzeitig setzte Heinrich Oidtmann III die wissenschaftliche Arbeit seines Vaters fort. 1928 veröffentlichte er den zweiten Band zur Geschichte der rheinischen Glasmalerei und führte damit die dokumentarische und kunsthistorische Forschung der Familie weiter.
Unter seiner Leitung verband die Glasmalerei Dr. H. Oidtmann handwerkliche Tradition zunehmend mit architektonischem und wissenschaftlichem Anspruch.

Nach dem frühen Tod ihres Ehemannes Heinrich Oidtmann III übernahm Ludovica Oidtmann die Leitung der Glasmalereiwerkstatt. In einer Zeit politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit führte sie das Unternehmen mit großer Verantwortung und Weitsicht weiter.
Besonders wichtig war ihr der Austausch mit zeitgenössischen Künstlern und Gestaltern. Unter ihrer Leitung blieb die Werkstatt offen für neue künstlerische Entwicklungen und behauptete sich trotz der schwierigen Jahre der Weltwirtschaftskrise und des Nationalsozialismus.
Dass die Glasmalerei Dr. H. Oidtmann diese Zeit als Familienunternehmen überstand, ist eng mit ihrem persönlichen Einsatz und ihrer außergewöhnlichen Stärke verbunden. Friedrich (1924–2004) und Ludovikus (1928–2006) Oidtmann Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahmen die Brüder Friedrich und Ludovikus Oidtmann 1945 die Leitung des stark zerstörten Familienunternehmens. In der Zeit des Wiederaufbaus nutzten sie die Chance für einen gestalterischen und technischen Neuanfang.

Die Werkstatt orientierte sich zunehmend an den modernen Entwicklungen der Glasmalerei. Der enge Austausch mit Künstlern im In- und Ausland sowie der Dialog mit einer jungen Generation rheinischer Glasmaler prägten diese Zeit nachhaltig.
Mit der Erweiterung des handwerklichen Spektrums um Mosaik- und Betonverglasung entwickelte sich Glasmalerei Oidtmann zu einer der bedeutenden Werkstätten für moderne Glasgestaltung in Deutschland. Zahlreiche Auszeichnungen dokumentieren diese Entwicklung, darunter der Studio-Werkpreis der Handwerkskammer Aachen, des Linnicher Groschens, die Teilnahme an der Exempla 77 in München sowie die Verleihung des Ritterkreuzes des Isländischen Falkenordens im Jahr 2004.
Gemeinsam mit ihren Söhnen Heinrich und Stefan engagierten sich Friedrich und Ludovikus Oidtmann zudem für die Bewahrung der Glasmalerei-Geschichte. Durch die Stiftung einer bedeutenden Sammlung waren sie maßgeblich an der Gründung des Deutschen Glasmalerei-Museums in Linnich im Jahr 1997 beteiligt.

Seit 1999 führen Heinrich und Dr.-Ing. Stefan Oidtmann das Erbe ihrer Väter erfolgreich fort.
Heinrich Oidtmann machte seine Ausbildung zum Gesellen und Kunstglaser-Meister in der Glasfachschule in Hadamar. Bevor er 1983 in den Familienbetrieb eintrat, war er einige Jahre in einer anderen Werkstatt tätig.
Dr.-Ing. Stefan Oidtmann absolvierte sein Architekturstudium an der TU Braunschweig und der RWTH Aachen. Parallel zum Studium begann er 1981 seine Ausbildung zum Glasmaler im Familienbetrieb.
Von 1989 bis 1996 war er Projektleiter im Forschungsverbundprojekt für den Bereich “Untersuchungen zur Wirksamkeit vorhandener Schutzverglasungen sowie Entwicklung und Erprobung neuer Schutzverglasungskonstruktionen” für das Ministerium für Forschung und Entwicklung. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts verfasste er 1994 seine Dissertation mit dem Titel: „Die Schutzverglasung - eine wirksame Schutzmaßnahme gegen die Korrosion an wertvollen Glasmalereien“. Durch seine langjährige intensive Erfahrung mit Schutzverglasungskonstruktionen und klimatechnischen Messungen wird er häufig als Gutachter zu Rate gezogen.
Zudem war er 24 Jahre lang öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Glas – und Porzellanmalerhandwerk.
Heinrich und Dr. Stefan Oidtmann sehen es als wichtige Aufgabe an, den Kontakt mit den zeitgenössischen Künstlern zu pflegen, deren Entwürfe optimal in Glas zu übersetzen und offen zu sein für Experimente. Außerdem ist es ihnen ein großes Anliegen, die Restaurierung alter Glasgemälde in Verbindung mit den zuständigen Ämtern für Denkmalpflege durchzuführen - mit größter Sorgfalt, mit guter Sachkenntnis und nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Heute wird die Glasmalerei Dr. H. Oidtmann weiterhin von Heinrich und Dr. Stefan Oidtmann geführt. Gleichzeitig prägen bereits die nächste Generation sowie erfahrene Mitarbeiter die Weiterentwicklung des Unternehmens.
Mit Michael Oidtmann, Glasermeister mit Bachelor-Professional, wächst die familiäre Tradition der Glasmalerei in die nächste, die 6. Generation hinein.
Als weiterer Geschäftsführer begleitet Michael Oidtmann die heutigen und zukünftigen Aufgaben der Werkstatt. Von der Restaurierung historischer Verglasungen bis zur Umsetzung zeitgenössischer Projekte und insbesondere auch die Sanierung von asbestbelasteten Verglasungen. Unterstützt wird er dabei vom Werkstattleiter Lars Pick.
Im engen Austausch zwischen langjähriger Erfahrung, handwerklicher Präzision und neuen Perspektiven entwickelt sich das Unternehmen kontinuierlich weiter.